Der Justizpalast in Wien
Stein und Waage

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© By Sheila 

Hier kommt mein nächster Insider Tipp: Der Justizpalast in Wien. Es ist einer der schönsten Orte Wiens und von Touristen noch unentdeckt. Der Eintritt ist frei. Die Geschichte des Gebäudes bewegend. Und der Ausblick aus dem Café am Dach ein Traum.

Justitia- die Göttin der Gerechtigkeit. Streng und erhaben thront sie über der Steinhalle. Die Farben der Steine- Schwarz, Weiß und Rot- spiegeln die des Rechtswesens. Justitiar Blick ruht auf den Besuchern, unsere Schritte klingen nach.

The beautiful free stairway of the Justice Palace in Vienna.
Die wunderschöne Freitreppe des Wiener Justizpalasts.

Ich gehöre zu der Sorte Menschen, die gerne gegen Ungerechtigkeiten rebellieren. Still war ich nie. Darum freue ich mich wahrscheinlich jeden Tag darüber, in einer Demokratie geboren worden zu sein. Auch die ist nicht perfekt aber oft bin ich dankbar, wenn ich aus einem schönen Urlaub heimkomme und weiß, die Justiz in Österreich funktioniert. Warum also nicht einmal dem Justizpalast in meiner schönen Heimatstadt einen Besuch abstatten? Es war Zeit.

The aula, core of the Justice Palace in Vienna
Die Aula, das Herz des Justizpalasts.

An dieser Stelle gestehe ich eine kleine Bildungslücke. Ich habe das riesige, fast schon monumentale Gebäude am Schmerlingplatz 10 zwar oft bewundert, den Justizpalast darin aber immer nur peripher wahrgenommen. Bzw. erst vorletztes Jahr bemerkt. Ich weiß- das Gebäude erstreckt sich über den gesamten Block und auch der imposante Eingang ist kaum zu ignorieren. Umso schöner, dass ich die ehrwürdige Steinhalle letzte Woche erkunden konnte.

Kaum zu glauben, aber der Palast ist noch fast unentdeckt von Touristen.

Der Justizpalast wurde im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts errichtet und ist im Stil der Neorenaissance erbaut. Heute befinden sich darin der Oberste Gerichtshof, die Generalprokuratur, das Oberlandesgericht Wien, die Oberstaatsanwaltschaft Wien und das Landesgericht für Zivilrechtssachen in Wien. Das Herz des Palastes bildet die Aula: Über der Freitreppe thront die prachtvolle Statue der Justitia, ausgestattet mit goldenem Schwert und Gesetzbuch, flankiert von zwei Löwen. Gegenüber befindet sich eine große Uhr mit einem Chronoskopf, begleitet von zwei Sirenen.

Auch Blut wurde hier vergossen, im dunklen Schicksalsjahr 1927, das den Weg zum Bürgerkrieg 1934 ebnete. In Juli 1927 eskalierten nach dem Urteil von Schattendorf die Konflikte zwischen Sozialdemokraten und Konservativen, Republikanischem Schutzbund und Heimwehren. (Zur Erinnerung: Das Urteil von Schattendorf = Der skandalbegleitete Freispruch von nationalsozialistischen „Frontkämpfern“, die zuvor bei einer Auseinandersetzung mit Mitgliedern des Republikanischen Schutzbundes ein sechsjähriges Kind und einen Kriegsinvaliden erschossen hatten). 

The coats of arms of the Austrian crown lands
Wappen der österreichischen Kronländer auf den Wandflächen im ersten Stock.

Nach diesem Freispruch entlud sich die Wut der Arbeiter auf der Straße, es kam zu schweren Ausschreitungen. Bei den gewaltsamen Protesten ließen 89 Demonstranten und fünf Polizisten ihr Leben, hunderte Menschen wurden verletzt, nachdem die Polizei das Feuer eröffnete. Der Justizpalast in Wien geriet als Symbol für Klassenjustiz ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Demonstranten. In weiterer Folge kam es zu einem prägenden Ereignis der österreichischen Geschichte: Dem Justizpalastbrand.
Der junge Elias Canetti war damals Teil der stürmenden Menge. Er schrieb später:

„Man fühlte das Feuer, seine Präsenz war überwältigend, auch dort, wo man es nicht sah, hatte man’s im Kopf, seine Anziehung und die der Masse waren eins.“ 
-Elias Canetti, Die Fackel im Ohr

In der heutigen Ruhe ist nichts mehr übrig von Rauch und Gewalt. Die Sonne scheint durch die hohen Fenster, Helligkeit erfüllt die Räumlichkeiten. Kühler Stein und klare Formen erhalten eine Struktur, die wir nie, nie, niemals als gegeben nehmen dürfen: Unsere Demokratie.

Bis zum nächsten Beitrag…

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